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Stellplatzlandschaft Deutschland
Und es bewegt sich doch
Mit über 2000 Stellplätzen hat sich Deutschland neben Frankreich und Italien unter die großen Drei im europäischen Reisemobiltourismus geschoben. Auch wenn sich das Stellplatznetz noch nicht über alle Landesteile gleichmäßig erstreckt, so sind doch einige Angebote europaweit Spitze ? die Kombination von Stellplatz und Therme oder spezielle Wellnesspauschalen für Reisemobilisten gibt es nur auf deutschen Stellplätzen.

Von Jürgen Dieckert

Nesselwang: Ruhiger Stellplatz in zentraler Ortslage und zugleich im Grünen.

Es gibt doch noch Zeichen und Wunder: Da hört und liest man immer wieder vom vermeintlich unaufhaltsamen Niedergang Deutschlands, doch in einem Bereich ist das Land richtig aufgeblüht: Aus dem zarten Pflänzchen Stellplatz ist in den vergangenen 15 Jahren ein richtig kräftiger Stamm geworden, der seine Wurzeln fest in den touristischen Boden verankert hat - die einschlägigen Nachschlagewerke und Stellplatzlisten kommen heute je nach Zählweise auf eine Größenordnung zwischen knapp 2000 beziehungsweise über 3000 Stellplätze für Reisemobile außerhalb von traditionellen Campinganlagen.

Der Ruhm, den ersten Stellplatz angelegt zu haben, kommt der Gemeinde Viechtach im Bayerischen Wald zu. Bereits in den Achtzigern öffnete die Kommune einige einfache Parkplätze im Ortsgebiet auch für das Übernachten im Reisemobil, einige Jahre später gab das Weindorf Enkirch an der Mosel einen großen Wiesenparkplatz am Fluss als Stellplatz frei. Neuen Schwung bekam diese zunächst zaghafte Entwicklung dann in den frühen Neunzigern durch eine Initiative der Industrie- und Handelskammer Kassel und der Stadt Rotenburg an der Fulda. Von dem bis heute nahezu flächendeckend ausgebauten Stellplatznetz und dem ersten Reisemobilhafen des gesamten Landes in Rotenburg an der Fulda profitiert die Region Nordhessen bis heute.

Minheim: Vorbildlicher Reisemobilhafen zwischen Mosel, Dorf und Weinbergen.
Diese Spitzenstellung aber kann Nordhessen heute nicht mehr ganz halten, wie die Peters-Studie zum Reisemobiltourismus in Deutschland ergeben hat: Gefragt nach der reisemobilfreundlichsten Region des Landes, stimmte der weit überwiegende Teil der Befragten für eine Region, die sonst klar im Schatten der übermächtigen Konkurrenz von Nord- und Ostsee oder der Alpen steht: die Mosel. Immerhin, unter den ersten Drei rangiert auch noch Nordhessen. Die Ursache für diesen überraschenden Erfolg verdeutlicht eine zweite Frage: Dank einer Vielzahl guter Stellplätze schieben sich diese Außenseiter unter den Destinationen an den Favoriten vorbei an die Spitze.

Mag der Ruf Frankreichs als gastfreundliches Urlaubsland für Reisemobilisten vielleicht auch noch eine Spur besser sein als der Deutschlands, in einigen Punkten sind die deutschen Stellplatzbetreiber ihren ausländischen Kollegen weit voraus ? mit der Kombination von Stellplatz und Therme sowie Stellplatz und Kur und entsprechenden Pauschalangeboten haben Kurorte wie Bad Königshofen oder Bad Saulgau bereits vor einigen Jahren touristisches Neuland betreten und dem Reisemobiltourismus eine völlig neue Qualität verliehen. Zunehmend werden diese Angebote auch von ausländischen Reisemobilfahrern, vor allem aus der Schweiz, aus Frankreich oder aus den Niederlanden, wahrgenommen.

Bad Dürrheim: Reisemobilhafen mit Anschluss an das Thermalbad Solemar.
Auch die Ausstattung der Stellplätze hat sich entscheidend verändert. Dominierten in den Neunzigern einfachere Angebote für wenige Reisemobile bei Gaststätten oder auf umgewidmeten Parkplätzen, so beherrschen heute ? was die Übernachtungszahlen betrifft ? eigens angelegte Reisemobilhäfen die Stellplatz-Szene. Diese für Reisemobile reservierten Plätze der ersten Kategorie besitzen eine weitaus größere Kapazität ? in der Regel wenigstens 15 Mobile, in der Spitze über 300 Fahrzeuge ? und eine reisemobilgerechte Ausstattung mit Ent- und Versorgungseinrichtungen, Gäste-Info, oft auch mit parzellierten Standflächen und persönlicher Betreuung der Gäste durch einen privaten Stellplatzbetreiber.

Fazit: Aus den häufig improvisierten Übernachtungsangeboten von einst haben sich eigenständige touristische Angebote für eine Zielgruppe herausgebildet, die einen modernen Reisemobil-Stellplatz dem Aufenthalt auf einem klassischen Campingplatz vorzieht. Stellplätze dieser Qualität sind auch in Frankreich und in Italien nur sehr selten zu finden.

Doch auch in Deutschland gibt es in einigen Gebieten noch deutlichen Nachholbedarf. Landesweit betrifft dies in erster Linie die größeren Städte. Aachen, Berlin, Dresden, Freiburg, Hamburg und Köln sind rühmliche Ausnahmen vom sonst vorherrschenden Trend, dass sich größere Städte schwertun, sich dem Reisemobiltourismus mit Stellplätzen öffnen. Stellvertretend für Großstädte ist das Verhalten der Stadt München, die nur zum Oktoberfest einen provisorischen Stellplatz eröffnet, sonst aber auf die wenigen Campingplätze verweist, die aber einen guten Teil des Jahres geschlossen bleiben.

Tangermünde: Beliebter Stellplatz an der alten Stadtmauer.
Außerhalb der Ballungsgebiete finden sich größere Stellplatzlücken vor allem in Südhessen, an der Nordseeküste von Schleswig-Holstein, an der Küste und auf den großen Inseln von Mecklenburg-Vorpommern, in Oberbayern und in Teilen von Niederbayern. Vereinzelt finden sich hier zwar gute Stellplätze, die aber allein eine gesamte Region nicht für diese Zielgruppe erschließen können. In Extremfällen - etwa an der ostdeutschen Ostseeküste - sind die wenigen Stellplätze dem Andrang von Reisemobilen in der Hochsaison nicht gewachsen, was in jüngster Zeit bereits häufig zu Problemen zwischen mobilen Gästen und Kommunen geführt hat.

Problematisch ist die Situation in den fünf östlichen Bundesländern. Allein der Freistaat Thüringen weist hier eine größere Zahl von Stellplätzen auf. Neue, bereits angekündigte Projekte könnten diese führende Stellung des Landes in naher Zukunft noch ausbauen. In Brandenburg, Sachsen-Anhalt, im Binnenland von Mecklenburg-Vorpommern und in weiten Teilen von Sachsen dagegen finden sich nur vereinzelt empfehlenswerte Etappenstationen für Reisemobiltouristen. Die Stellplätze etwa in Belzig, Fürstenberg, Tangermünde, Quedlinburg, Waren an der Müritz oder Dresden erfreuen sich eines starken Zustroms, reichen allein aber wie weitem nicht aus, ihre Regionen im Wettbewerb mit reisemobilfreundlichen Hochburgen im Westen zu behaupten. Mosel, Ostfriesland, Nordhessen oder Niederrhein sind den ostdeutschen Feriengebieten in punkto Stellplatz-Qualität und -quantität heute noch immer meilenweit voraus.